Was kann VR, das andere Medien nicht können?

Virtual Reality (VR) hebt sich durch ihre einzigartige Immersion von anderen Medien ab. VR versetzt den Nutzer in vollständig interaktive 3D-Umgebungen, in denen er sich mitten in einer Simulation oder einem Erlebnis befindet, statt es nur passiv zu betrachten. Dazu kommen ein echtes Raumgefühl, gezielter Fokus auf einzelne Stimmen und natürliche Kommunikation im Raum.
1. Echte Immersion erzeugen
VR-Benutzer fühlen sich, als wären sie tatsächlich Teil der digitalen Welt. Das ist ein viel intensiveres Erlebnis als vor traditionellen Bildschirmen. Immersion kann man anhand eines Beispiels am besten beschreiben:
In einem wissenschaftlichen Experiment wurden Herzschlag und Hautfeuchtigkeit gemessen, während die Probanden eine Simulation sahen, in der man einen Weg entlanggeht. Der Weg führt einen Berg hinauf. Als die Teilnehmer diese Simulation an einem Monitor beobachtet haben, wurden keine Veränderungen in den Messwerten festgestellt. Als sie dieselbe Simulation mit einer VR-Brille erlebten, erhöhten sich Herzschlag und Schweißentwicklung, weil sich der Körper auf die Anstrengung vorbereitete. Dasselbe beobachten wir in unseren Projekten: Menschen gehen in der VR-Brille in die Knie, halten sich fest oder atmen schneller, wenn es virtuell bergauf oder in die Höhe geht.
Das Experiment zeigt, dass man mit der VR-Brille das vegetative Nervensystem beeinflussen kann (also Körperfunktionen wie Herzschlag oder Hormonausschüttung, die man nicht bewusst steuern kann). Besonders deutlich wird es, wenn man Phobien anspricht: Höhenangst, Raumangst, soziale Ängste oder Angst vor Spinnen zum Beispiel können in einer VR-Simulation angesprochen werden und heftige körperliche Reaktionen auslösen. In der Therapie von Angststörungen wirkt die Konfrontation in VR laut einer Meta-Analyse von 30 randomisierten Studien etwa so gut wie die Konfrontation in der Realität (Carl et al. 2019). Das sind extreme Beispiele, aber sie zeigen die Wirkung, die der Einsatz von Virtual Reality haben kann. Genauso kann man auch das Belohnungssystem ansprechen und positive Gefühle auslösen (siehe unseren Artikel Kann VR süchtig machen?).
Kein anderes Medium kann so viel Immersion erzeugen wie VR (und verwandte Technologien wie AR und MR).
2. Raumgefühl und Präsenzgefühl erzeugen
Während traditionelle Medien wie Videos zweidimensional sind, bietet VR ein echtes Raumgefühl, beziehungsweise ein Präsenzgefühl. Auch ein 3D-Film (zum Beispiel im Kino) kann einen räumlichen Eindruck vermitteln. Aber die Wahrnehmung in einem 3D-Film bleibt immer noch die eines passiven Betrachters. In der VR-Simulation vermitteln die Objekte den Eindruck, dass sie eine Masse hätten und Sie beeinflussen könnten. Sie weichen zum Beispiel instinktiv Objekten aus, die auf Sie zukommen.
Sie können Objekte aus allen Blickwinkeln betrachten, um sie herum gehen und sie manipulieren. So kann sich der Nutzer in einem Raum frei bewegen und mit der Umgebung interagieren. Das macht das Erlebnis realitätsnäher und greifbarer, als es eine Simulation oder ein Film am Monitor erreichen könnte.
3. Fokussierung auf Details ermöglichen (Cocktail-Party-Effekt)
VR erlaubt es, ähnlich wie in der realen Welt, den Fokus auf bestimmte Sinneseindrücke zu legen. Ein gutes Beispiel dafür ist der sogenannte Cocktail-Party-Effekt: In einer lauten Umgebung (zum Beispiel auf einer Party oder einer Messe) kann man sich auf eine einzelne Stimme konzentrieren und dieser gut folgen. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, sich auf eine einzelne Geräuschquelle zu konzentrieren und alle Hintergrundgeräusche zu ignorieren. Das Gehirn ist dafür auf akustische Mechanismen unserer Ohrmuschel angewiesen, weshalb der Cocktail-Party-Effekt bei Menschen mit Hörgerät nicht funktioniert. Auch in Videokonferenzen ist es nicht möglich, sich auf eine einzelne Person zu konzentrieren, sobald zwei gleichzeitig sprechen. Oder ein weiteres Beispiel: Nehmen Sie mal in einer Kneipe ein Statement Ihres Gegenübers auf: Während Sie die Person real gut verstehen, wird das Statement auf der Handyaufnahme im Hintergrund verschwinden.
Eine VR-Simulation kann die Mechanismen der menschlichen Ohrmuschel simulieren und den Cocktail-Party-Effekt nutzbar machen. So können mehrere Gespräche zeitgleich im selben virtuellen Raum stattfinden.
4. Natürliche Kommunikation im Raum ermöglichen
In VR können mehrere Personen gleichzeitig sprechen, ohne dass das Gesprochene unverständlich wird, wie es oft in herkömmlichen Videokonferenzen der Fall ist. Neben dem Cocktail-Party-Effekt kann sich ein Teil der Gruppe in einen anderen Teil des virtuellen Raums zurückziehen, ein persönliches Gespräch führen und zugleich visuell mit dem Rest in Kontakt bleiben.
Fazit
Es gibt noch zahlreiche weitere Mechanismen, die nur die immersiven Medien beherrschen. Aber diese Beispiele zeigen bereits das enorme Potenzial, das Virtual Reality bietet. Diese Eigenschaften machen VR zu einem leistungsstarken Tool für Schulungen, Meetings und Präsentationen, in denen realitätsnahe Erlebnisse entscheidend sind.
